Mein Kleiner Großer Freund - Eine Art Brief An Meinen Sohn

02 07 2012 Thinking About

"Da ist mein Freund" war mein allererster Gedanke, als ich Dich vor zwölfeinhalb Jahren das erste mal sah. Von oben links über meine Schulter gehalten, vom Arzt, der Dir vor wenigen Sekunden per Kaiserschnitt auf die Welt geholfen hatte. Ganz ruhig schautest Du mir in die Augen und obwohl ich bauchabwärts quasi nicht vorhanden war, so waren meine Gedanken doch vollkommen klar und unvernebelt, denn es war ein geplanter Eingriff gewesen. 

Du hattest Dich nie nach unten gedreht in meinem Bauch.

Meine Frauenärztin behauptete zwar felsenfest, Du hättest Dich noch mal zurückgedreht, aber beim Vergleich mit meiner zweiten Schwangerschaft wußte ich später genauso felsenfest, dass das nicht der Fall gewesen war. 

So erfuhren wir - trotz der üblichen Ultraschalls - genau einen Tag vor dem errechneten Geburtstermin von Deiner besonderen Lage. Dein (Dick-)Köpfchen als Letztes nach Füßchen und Schultern auf natürlichem Wege zu gebären - ehrlich gesagt - dass klang nicht lustig in meinen Ohren. Dann also mit OP.

Egal, nun warst Du ja endlich da und ich war froh und dankbar - auch über Opas großen Leberfleck der mich übersprungen hat und dafür auf Deiner linken Bauchseite gelandet ist. Verwechselung im Krankenhaus: Ausgeschlossen! "Dich finde ich IMMER wieder", dachte ich erleichtert, während sie uns beide aufräumten, so dass ich Dich endlich, endlich in die Arme schließen konnte.

Und nun viel es mir erst auf: Was hatte ich da eben gedacht? "Da ist mein Freund" - was für ein Schwachsinn, oder? Mein Baby, mein Schatz, mein Mäuschen, mein Sohn...ja, all DAS hätte ich doch eigentlich denken müssen! Aber Freund? Kann denn so ein kleines Wunderwesen schon ein Freund sein?

Was bedeutet denn Freundschaft eigentlich? Für mich vor allem: Vertrauen haben - auch wenn es sich - gerade beim Kinder-hegen-pflegen-aufziehen - manchmal so anfühlt, als springe man ohne Fallschirm die Steilküste runter.

DOCH - Freund war und ist die richtige Bezeichnung - denn das Freundgefühl hielt an. In den ersten Stunden, in denen Du schlafend neben mir die süßesten Schnauftöne von Dir gabst, in den ersten Tagen, in denen die für Steißlagen übliche Hüftdysplasie festgestellt wurde, den ersten Wochen, Monaten, Jahren... Ich hatte nie das Gefühl, ich bräuchte oben genannten Rettungsschirm. Ich empfinde absolut und zutiefst vertrauensvolle Freundschaft zu Dir. Geniale glückliche Zeit.

"Pah - Freundschaft und Glück! " würdest Du jetzt genervt sagen, wenn Du wüßtest, was ich hier gerade schreibe. Du sitzt nämlich wütend am Klavier. Du hast keine Lust zu üben - eigentlich nie. Würdest viel lieber lesen oder am Computer spielen.

"Was ist das denn für ein Freund, der einen zum Klavierspielen zwingt? Was ist das für ein Freund, der immer will, dass ich mich bewege obwohl ich so gern rumhänge. Der eigentlich andauernd irgendwas will: lernen, aufräumen, laufen, waschen, holen, bringen, noch mal lernen ...pff!" 

Noch kannst du diesen Frust nicht in Worte packen und dass ich nur Dein "Bestes" will hört sich auch für mich selbst manchmal echt lahm an... Gefühle deuten und dann auch noch darüber reden - Lieber gar nicht erst versuchen ist Deine Devise dazu. Sich um Kopf und Kragen reden; das ist nicht Dein Ding. Du bist still, ruhig, unaufgeregt, noch selten bockig. So smart - Du merkst Dir Mengen von Wissen, dass ich nur staunen kann. BITTE mach diese kostbaren Zellen in ein paar Jahren nicht mit irgendwas kaputt. Pass auf Dich auf!!!

Unsere Freundschaft ist also eventuell im Moment noch ein bisschen... unausgewuchtet - wie gesagt, so genau lässt sich das aufgrund der natürlichen Gegebenheiten noch nicht feststellen.

Die Anzeichen sind aber mehr als hoffnungsvoll und vielversprechend.

Für uns Zwei wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass wir für immer gesund und glücklich - und in nicht allzu ferner Zeit auch auf gleicher "Augenhöhe" - Freunde bleiben.

Warum ich so etwas persönliches öffentlich teile?

Ich hatte ein tiefes, vom Herzen ausgehendes Bedürfnis danach.

Inspiriert dazu hat mich Holly Becker in Ihrem "Blogging Your Way" Workshop. In diesem Workshop habe ich viele tolle Dinge zum Thema Bloggen gelernt - die Kursbeschreibung verspricht nicht zu viel. Die wichtigste Erkenntnis war jedoch "aus dem Herzen heraus zu bloggen" - und das habe ich heute mal verstärkt getan! :)

Übrigens bin ich Holly auf Ihrem Buch-Launch Event mal persöhnlich begegnet. Der Raum, in dem sie einen Vortrag hielt, war mit Stühlen für uns Teilnehmer bestückt. Und auf all diesen Stühlen lag ein Stapel verschiedener Karten und Infos. Ich dachte, dies sei der berühmte Visitenkartentausch, der auf diesen sagenhaften amerikanischen Bloggersummits immer stattfindet und von dem ich im Netz schon soviel gehört hatte. Also dachte ich mir nichts dabei, schnell auch meinen LebenslusTiger dazuzulegen. Ich hätte besser mal nachfragen sollen...

Am nächsten Tag erreichte mich Hollys Tweet. Dieser Stapel Karten war ausschliesslich von Sponsoren!!!! Asche auf mein Haupt - I'm still deeply sorry - was war das unangenehm - und kein bisschen lustig - fand zumindest Holly...

Hach - ich wüsste schon gern, ob sie mir verziehen hat... leider hat sie bisher nie wieder das Wort an mich gerichtet...